Silhouette vor TunnelLiebe Selfpedianer,

gerne möchten wir einige der besonders intensiv diskutierten Themen aufgreifen, um sie noch einmal zu betrachten und zu versuchen, ein Fazit zu ziehen.
Ulf fragte schon kurz nach dem Start von Selfpedia.de, wie psychische Behinderungen in der Gesellschaft verankert werden könnten. Daraus resultierte eine sehr lebhafte, aber auch kontroverse Diskussion rund um psychische Behinderungen, die eindeutig aufzeigt: selbst die Abgrenzung zwischen einer psychischen Behinderung und einer psychischen Erkrankung ist bislang sehr schwierig.

Von vielen Betroffenen mit gänzlich unterschiedlichen psychischen Störungen wurde einhellig berichtet, dass gerade Phobien und Angststörungen, aber auch Depressionen und Burn-Out-Syndrom von der Gesellschaft weitestgehend nicht ernst genommen werden. Nahezu jeder wurde schon mehrfach mit mehr oder weniger gutgemeinten Zitaten wie „Ach, stell dich doch nicht so an!“ oder „Wie oft wurdest du denn schon von einer Spinne angefallen?!“ konfrontiert. Dabei wird vergessen, welches Ausmaß solche Angststörungen annehmen können: ausgeprägte Phobien können tatsächlich zu ernstzunehmenden Beeinträchtigungen im Alltag führen.
Doch es soll hier nicht allein um die Begrifflichkeit von „psychischen Behinderungen“, „geistigen Behinderungen“ und anderen Definitionen, die allesamt letztlich nur zu weiterem Schubladendenken führen können, gehen.

Die von Ulf gestartete Diskussion blieb ergebnisoffen. Das dürfte auch maßgeblich daran liegen, dass es zum einen auch innerhalb von Interessengruppen stark unterschiedliche Ansichten, Erwartungen und Erfahrungen gibt. Zum anderen ist die Problematik dermaßen komplex, dass sie sicher nicht mit einer einzelnen Diskussion auf Selfpedia gelöst werden kann. Es handelt sich um ein weltweites gesellschaftliches Phänomen: wir alle bewerten. Wir bewerten Menschen, die uns begegnen. Und der erste subjektive Eindruck, darin sind sich Forscher längst einig, ist prägend – äußerliche Merkmale wie das Aussehen, die Figur, die Kleidung, Mimik und Gestik, eventuelle Hilfsmittel, aber auch das Verhalten und selbst der Geruch werden in einem hochkomplexen Prozess in Sekundenschnelle ausgewertet und führen zu Sympathie oder Antipathie. Zwar ist es möglich, auch eine Entscheidung aufgrund des ersten Eindruckes zu revidieren, aber letztlich fällt dies schwer. Und wir alle ordnen unsere Eindrücke in einer Art Schubladendenken – auch wenn wir es uns ungern eingestehen. Persönliche Erfahrungen verändern die Art, wie wir Menschen einsortieren, und je nach Erfahrungen fallen Einordnungen dann anders aus. Und tatsächlich ist auch bei Weitem nicht jede psychische Störung heilbar – viele davon kommen trotz Therapie immer und immer wieder.

Dass gerade psychische Behinderungen, psychische Erkrankungen, oder wie immer man sie nennen mag (für weiterführende Betrachtungen zur Stellung in der Gesellschaft und zur Begrifflichkeit sei der Gastbeitrag von Heike Oldenburg bei Leidmedien.de empfohlen) gesellschaftlich oftmals nicht ernstgenommen werden, liegt sicher auch daran, dass auch medizinisch psychologische und psychiatrische Forschungen lange Zeit allenfalls in düsteren Kellern durchgeführt wurden. Bis in die Neuzeit wurden psychische Störungen nicht selten unter dem kirchlichen Einfluss dämonisiert. Erst in der jüngeren Medizingeschichte rückten Psychologie und Psychiatrie aus dem Kreis des Okkultismus hervor und stiegen zu einer wissenschaftlichen medizinischen Disziplin auf – kurzum, lange Zeit handelte es sich dabei um ein Tabuthema. Mangels besseren Wissens wurden Angststörungen, Depressionen und andere psychische Störungen dadurch gesellschaftlich mit dem altbekannten „Stell dich mal nicht so an!“ abgetan.

Wichtigster Schritt, um psychischen Behinderungen zu gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen, ist zu vermitteln, dass nicht jede Behinderung äußerlich direkt sichtbar ist. Nur weil jemand nicht im Rollstuhl sitzt, bedeutet dies nicht, dass er nicht behindert ist. Wer schon einmal (zu Unrecht) barsch dafür angegangen wurde, dass er (zurecht) auf einem Behindertenparkplatz parkt, wird verstehen, was damit gemeint ist. Ebenso wie jener, der aufgrund einer Erkrankung schon einmal den Fahrstuhl in der U-Bahnstation genutzt hat, ohne an Stützen oder am Rollator zu gehen und ohne im Rollstuhl zu sitzen und dafür vorwurfsvolle Blicke geerntet hat.

Ich persönlich habe den Eindruck, dass unsere Gesellschaft bereits aufgeschlossener ist – auch wenn es noch reichlich Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Aber bis wir alle wirklich vollständig unsere Scheuklappen abgelegt und vom Tunnelblick befreit sind, wird es wohl noch dauern. Bis dahin hilft uns nichts als aufzuklären und an die Öffentlichkeit zu gehen.

Am Rande: Neue Infos zu Selfpedia.de

Ja, auch sonst hat sich so manches an Selfpedia.de verändert. Vieles davon unsichtbar.
Die Neuerungen der letzten Wochen:

  • Wir haben an der Seitenladegeschwindigkeit gearbeitet. Zufrieden sind wir noch nicht, aber ein paar kleinere Verbesserungen konnten wir bereits erzielen. Wir bleiben aber am Ball.
  • Das Blog hat nun ein etwas aufgemotztes Layout.
  • Benutzerprofile sind nun nur noch im eingeloggten Zustand sichtbar.

Wir haben noch eine recht lange Todo-Liste vor uns. Aber wir sind auf dem Weg – dank eurer Unterstützung!
Helft mit, dass Selfpedia.de nicht in die Sommerpause geht, sondern weiterhin aufstrebt und allen Menschen mit und ohne Behinderungen helfen kann!

Foto: Based on http://www.flickr.com/photos/mrhayata/356985721/ under cc-by sa 2.0